Unsere Ziele f√ľr Sie

01. Erhalt der Freiberuflichkeit und der Selbstverwaltung
Am besten wird der berufsrechtliche Rahmen durch die Profession selbst gestaltet, vertreten durch die Kammer. Dies ist das originäre Recht von Freiberufler*innen.

Die Freiberuflichkeit ist gekennzeichnet durch eine besondere berufliche Qualifikation sowie durch pers√∂nliche, eigenverantwortliche und fachlich unabh√§ngige Erbringung ihrer Dienstleistungen. Sie ist au√üerdem dem Gemeinwohl verpflichtet. Damit werden  Merkmale der freien Berufe festgelegt, die bei den Heilberufen den Patient*innen bestm√∂glich zugutekommen und die per se gesch√ľtzt sind vor von wirtschaftlichen Interessen geleiteten √úberlegungen. Die Inhaber-gef√ľhrten Praxen und deren Angestellte gew√§hrleisten zudem eine individuell abgestimmte Behandlung mit maximaler Behandelndenkontinuit√§t. Dies geschieht wohnortnah und in dem besonders gesch√ľtzten therapeutischen Raum.
Die berufsrechtlichen Rahmenbedingungen werden durch die Kammern und damit von den Psychotherapeut*innen selbst definiert. Deren Gremien werde auf alle Ebenen demokratisch besetzt.

Der Staat tut gut daran, diese hoheitlichen Aufgaben an die psychotherapeutisch T√§tigen zu delegieren und damit in die fach- und sachkundigen H√§nde derjenigen zu legen, die diese in ihrer t√§glichen Arbeit anwenden, pr√ľfen und evaluieren. Allein die Rechtsaufsicht verbleibt weiterhin beim Gesetzgeber. In der kassenzugelassenen Niederlassung wird dieses Prinzip der Selbstverwaltung erg√§nzt durch die Kassen√§rztlichen Vereinigungen, die f√ľr die sozialrechtlichen Ausgestaltungen des SGB V verantwortlich sind.
Trotz aller manchmal auch berechtigten Kritik und der M√ľhsal und Schwerf√§lligkeit demokratischer Prozesse: Dazu bekennen wir uns ‚Äď ein besseres System gibt es nicht. Die Autonomie unseres Berufsstandes muss erhalten bleiben!

02. Keine Eingriffe in die therapeutische Beziehung
Der Schutz des Behandlungsraums ist grundlegende Voraussetzung f√ľr eine psychotherapeutische Behandlung und eine vertrauensvolle psychotherapeutische Beziehung. Psychotherapie wirkt, die Patient*innenzufriedenheit ist gro√ü. Allein die Kammer ist zust√§ndig f√ľr die Einhaltung der Berufsordnung und der Qualit√§t.

Die therapeutische Beziehung ‚Äď deren Qualit√§t sich in Studien √ľber die Verfahren hinweg als der zentrale Wirkfaktor von Psychotherapien erwiesen hat ‚Äď und der gesch√ľtzte thera¬≠peutische Raum sind die grundlegenden und damit wichtigs¬≠ten Voraussetzungen f√ľr eine psychotherapeutische Behand¬≠lung. Nur auf Basis des Vertrauens und der Vertrautheit k√∂nnen Patient*innen sich √∂ffnen, ihre Probleme ansprechen und selbstkritisch reflektieren. Damit sind diese Grundbedin¬≠gungen unantastbar.

Dennoch gibt es Versuche, Einblick in diesen gesch√ľtzten Raum zu bekommen und/oder Kontrolle auszu√ľben. Genannt sei hier das gerade entstehende Instrument der Qualit√§tssi¬≠cherung f√ľr die ambulante Psychotherapie, dessen Entwick¬≠lung der Gesetzgeber dem Gemeinsamen Bundesausschuss ins Lastenheft geschrieben hat. Damit greift er, ohne Beleg √ľber tats√§chlich bestehende Qualit√§tsdefizite, in hoheitliches Gebiet der Kammern ein. Erw√§hnt werden muss aber auch die Gier nach Behandlungsdaten, dem ‚ÄěGold der Gegenwart‚Äú, im Zusammenhang mit der elektronischen Patientenakte und den europ√§ischen Pl√§nen f√ľr den l√§nder√ľbergreifenden Euro¬≠p√§ischen Gesundheitsdatenraum (EHDS).

Gegen derartige Bestrebungen wehren wir uns mit aller Kraft, um unsere Patientinnen und Patienten sowie den Behandlungsraum zu sch√ľtzen.

Eine besondere Rolle kommt auch dem Gebot der Abstinenz zu. Dieses verstehen wir als ethischen, Grenzen setzenden Rahmen der Psychotherapie, aber auch als therapeutische Haltung. Als gemeinsame Orientierung f√ľr Therapeutin und Patientin ist sie Grundlage f√ľr den psychotherapeutischen Prozess und sch√ľtzt ihn. Diese Grunds√§tze gelten nicht nur f√ľr Psychotherapien, sondern auch f√ľr Selbsterfahrung, insbesondere in der abh√§ngigen Situation der Aus- und Weiterbildung. Hier ‚Äď wie auch in der Psychotherapie ‚Äď ver¬≠bietet sich eine Vermischung mit gleichzeitig bestehenden privaten Beziehungen sowie wirtschaftlichen, dienstlichen oder sonstigen Abh√§ngigkeitsverh√§ltnissen.

03. Sicherung der Vielfalt der Verfahren und Versorgungsstrukturen
Die Aus- und Weiterbildung muss so gestaltet werden, dass das psychotherapeutische Angebot zum Wohl der Patient*innen vielf√§ltig bleibt. Von der Einzelpraxis √ľber Kooperationen bis zum MVZ ‚Äď ein breites Angebot n√ľtzt der Patient*innenversorgung, wobei stets die Behandlungsqualit√§t gesichert sein muss.

Die psychotherapeutischen Richtlinienverfahren ermöglichen es in ihrer Vielfalt, auf den Bedarf der Patient*innen individuell einzugehen und eine maßgeschneiderte Behandlung anzubieten. Es ist daher entscheidend, dass in der Aus- und Weiterbildung die Auswahl aller Richtlinienverfahren gewährleistet ist und angehende Therapeut*innen die Möglichkeit bekommen, ihr Fachwissen zu erweitern und sich zu unterschiedlichen Psychotherapeuten-Persönlichkeiten zu entwickeln.

Dar√ľber hinaus ist es zum Wohl der Patient*innen wichtig, die Versorgungsstrukturen zu verbessern. Eine Erweiterung der M√∂glichkeiten der Niederlassungen in Einzelpraxen bis zu Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) unter der Leitung von Psychotherapeut*innen kann hierbei einen wichtigen Beitrag leisten. Durch die Einbindung in MVZ k√∂nnen interdis¬≠ziplin√§re Kooperationen und eine umfassendere Versorgung der Patient*innen gew√§hrleistet werden. Dies erm√∂glicht eine bessere Vernetzung mit anderen Fach√§rzt*innen und eine ganzheitliche Behandlung, die sowohl die psychischen als auch die k√∂rperlichen Aspekte der Gesundheit ber√ľcksichtigt.

Wir setzen uns entschieden daf√ľr ein, dass der Ausbau von Niederlassungen sowohl in Einzel- oder Gemeinschaftspraxen als auch in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) aktiv gef√∂rdert wird. Unser oberstes Ziel ist es, das Wohl der Patient*innen zu gew√§hrleisten, indem ihnen eine hochwertige und umfassende Versorgung durch bestens ausgebildete Psychotherapeut*innen erm√∂glicht wird.

Wir engagieren uns mit Nachdruck f√ľr die wechselseitige Akzeptanz der unterschiedlichen Behandlungsverfahren und den Erhalt der Verfahrensvielfalt in Bezug auf die Gestaltung von Lehre, Aus- und Weiterbildung sowie Patientenversor¬≠gung. Angesichts der Komplexit√§t der psychischen Entwick¬≠lung und ihrer m√∂glichen St√∂rungen ist es unerl√§sslich, ein differenziertes ambulantes und station√§res Psychotherapie¬≠angebot zu sichern.

Die gesetzlichen Bestimmungen und Ordnungen, die die Berufsaus√ľbung regeln, m√ľssen gemeinschaftlich in einer Form gestaltet werden, die die unterschiedlichen Anforderun¬≠gen verschiedener psychotherapeutischer Ausrichtungen ber√ľcksichtigt. Nur so k√∂nnen wir sicherstellen, dass eine angemessene Vielfalt an therapeutischen Ans√§tzen erhalten bleibt, die den unterschiedlichen Bedarfen der Patient*innen gerecht wird.

04. Ausbau der Behandlungskapazit√§ten f√ľr Kinder und Jugendliche
Wir bef√ľrworten die eigene Bedarfsplanung f√ľr Kinder und Jugendliche. Die ambulante und station√§re Versorgung sowie niederschwellige Hilfsangebote m√ľssen ausgebaut und die Hilfen besser miteinander vernetzt werden.

Unser Spitzenkandidat, der amtierende LPK- und ehemalige BPtK-Pr√§sident Dietrich Munz erkl√§rt: ‚Äě√úber spezielle Zahlen zu den Wartezeiten bei psychisch kranken Kindern und Jugendlichen verf√ľgen wir nicht. Wir haben aus den Praxen jedoch R√ľckmeldungen, dass die Anfragen mit der Coronapandemie besonders bei Kinder- und Jugendlichenpsycho¬≠therapeut*innen stark angestiegen sind. Die Wartezeiten sind insbesondere in sozialen Brennpunkten, aber auch in l√§ndlichen und strukturschwachen Regionen sehr lang.‚Äú

Kinder und Jugendliche m√ľssen oft monatelang auf eine notwendige psychotherapeutische Behandlung warten oder finden gar keinen Therapieplatz; die Praxen sind v√∂llig √ľberlastet. Die Coronapandemie und der Ukraine-Krieg sind belastende Krisen, die den bereits vorher bestehenden Mangel an Therapiepl√§tzen noch deutlich verst√§rken. Die negativen Auswirkungen der Pandemie bzw. der Ma√ünahmen zu deren Eind√§mmung auf die psychische Gesundheit von Heranwachsenden wurden neben dem Anstieg des psychotherapeutischen Behandlungsbedarfs in der COPSY-L√§ngs¬≠schnittstudie hinreichend belegt.

Zusätzlich kommen seit Beginn des Ukraine-Krieges viele Minderjährige mit Kriegs-, Flucht- und Gewalterfahrungen nach Deutschland, die zur Verarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen häufig psychotherapeutische Behandlung benötigen.

Dies zeigt, dass die fr√ľhere ‚Äď bis jetzt g√ľltige ‚Äď Bedarfspla¬≠nung dem aktuellen Bedarf an Psychotherapie f√ľr Kinder und Jugendliche nicht entspricht und dringend reformiert werden muss. Den bed√ľrftigen Kindern und Jugendlichen muss zeitnah und fl√§chendeckend ein Zugang zu Hilfsangeboten, Fr√ľhintervention und Psychotherapie erm√∂glicht werden, um fr√ľhzeitig langfristige psychische Fehlentwicklungen zu verhindern. Es gibt bisher keinen eigenen Versorgungsgrad f√ľr KJP. Ihr Bedarf geht in den allgemeinen Versorgungsgrad f√ľr Psychotherapeut*innen ein. Eine eigene Bedarfsplanung wird dringend ben√∂tigt!

Zum jetzigen Zeitpunkt fehlen zudem empirische Daten, inwieweit Kinder und Jugendliche von den unterschiedlichen Versorgungsangeboten erreicht werden und wie die Quanti¬≠t√§ts- und Qualit√§tsanforderungen f√ľr die unterschiedlichen Einrichtungen aussehen sollten, um den Versorgungsbedarf ad√§quat abzudecken.

05. Mehr präventive Angebote und Netzwerke mit Kooperationspartnern
Gerade f√ľr Kinder und Jugendliche ist dies unerl√§sslich, um deren Resilienz ‚Äď und damit auch die Gesellschaft der Zukunft ‚Äď zu st√§rken und zudem die ambulante Psychotherapie zu entlasten.

Die psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stellt im Behandlungssetting häufig eine besondere Heraus­forderung dar. Es wird nicht nur mit den Indexpatient*innen gearbeitet, sondern auch mit Bezugspersonen wie Eltern, Pflegeeltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen.

Je j√ľnger das Kind, desto wichtiger ist die Einsichts- und Umstellungsf√§higkeit sowie die Motivierbarkeit des (Familien-) Systems, in dem das Kind lebt. H√§ufig sind Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen mit multiplen und komplexen psychosozialen Problemfeldern auf Kind-, Eltern- und Umfeldebene konfrontiert.

Qualitativ hochwertige Pr√§ventions- und Unterst√ľtzungsm√∂g¬≠lichkeiten k√∂nnen eine sp√§tere psychotherapeutische Intervention vermeidbar werden lassen oder ihren Umfang reduzieren ‚Äď gerade in Schwellen- und/oder Krisensituationen, wie beispielsweise der Erkrankung eines Elternteils, einer akuten hohen Belastung in der Familie und auch bei Trennung oder Scheidung.

Wir w√ľnschen uns deshalb mehr pr√§ventive Angebote und den Ausbau von Netzwerken mit Kooperationspartner*innen, um die Familien au√üerhalb des Psychotherapiesettings zu unterst√ľtzen und zeitgleich die Kinder- und Jugendlichenpsy¬≠chotherapie.

06. Digitalisierung mit Mehrwert
Der Nutzen muss im Vordergrund stehen und der Aufwand gering sein. Datenschutz und Datenhoheit der Patient*innen m√ľssen jederzeit gew√§hrleistet sein, insbesondere bei der elektronischen Patientenakte ePA.

Die Digitalisierung betrifft alle Bereiche unseres Lebens, Chancen und Risiken m√ľssen fortlaufend kritisch und differenziert evaluiert werden. Alle digitalen Projekte und Bausteine im Gesundheitswesen werden von den Mitglieds¬≠beitr√§gen der GKV-Versicherten finanziert. Es muss eine unabh√§ngige Pr√ľfung geben, ob diese ausgegebenen Gelder einen medizinisch sinnvollen Zweck erf√ľllen.

2012 wurde mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz (GKV-VStG) der Paradigmenwechsel zu einem digital vernetzten Gesundheitswesen eingeleitet. Es folgten zahlreiche weitere Reformen zur F√∂rderung der ‚ÄěTelemedizin‚Äú. F√ľr die Digitalisie¬≠rung der Kommunikationsstrukturen wurden rund 145.000 Arztpraxen und Kliniken an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen. F√ľr Hard- und Software sowie Computer,

Konnektoren, Kartenleseger√§te, Medizin-Apps und √§hnliches zahlten die gesetzlichen Krankenkassen mindestens 400 Millionen Euro, der GKV-Spitzenverband hat seit 2008 √ľber zwei Milliarden Euro f√ľr TI-Projekte ausgegeben.

Im Fr√ľhjahr 2020 waren bundesweit zehntausende Konnekto¬≠ren der TI bis zu acht Wochen komplett ausgefallen, im selben Jahr wurde bekannt, dass in Finnland vertrauliche Notizen aus Psychotherapiesitzungen von Zehntausenden Patient*innen gestohlen und teils ver√∂ffentlicht wurden. Patient*innen berichteten, dass die Hacker gedroht h√§tten, die sensiblen Daten ins Internet zu stellen. Im Juni 2023 wurde ein Server eines Dienstleisters der BARMER-Krankenkasse mit Patient*innendaten gehackt (z. B. √Ąrztlicher Nachrichtendienst 27.06.2023).

Ein Schl√ľsselprojekt der Digitalisierung des Gesundheitswe¬≠sens ist die elektronische Patientenakte (ePA), in der Kranken¬≠akten und Gesundheitsdaten einer Person gespeichert werden sollen. Es wird sehr darauf zu achten sein, dass angesichts der mittlerweile von der Politik vorangetriebenen Opt-Out- Variante auch im Zusammenhang mit dem vorgesehenen Europ√§ischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) die sensiblen Daten unserer Patient*innen sicher gesch√ľtzt bleiben.

Der materielle und zeitliche Aufwand f√ľr die Verwaltung und Weiterentwicklung der Systeme w√§chst ins Unermessliche. F√ľr √Ąrzt*innen und Psychotherapeut*innen ist von diesen zahlreichen digitalen Neuerungen weder ein wirtschaftlicher Gewinn zu erwarten, noch ist der Zeitaufwand f√ľr eine sorgf√§ltige Diagnostik angesichts der erhobenen Datenmen¬≠gen zu beziffern.

Wir im Psychotherapeut*innenb√ľndnis Baden-W√ľrttemberg bewerten die Versprechungen der rasant vorangetriebenen Digitalisierung im Gesundheitswesen differenziert: Als kritisch nehmen wir zum einen die ungen√ľgende Sicherheit der Patient*innen- und Behandelndendaten wahr und zum anderen den immens ansteigenden Verwaltungsaufwand. In unseren Augen fehlt es an einem √ľberzeugenden Gesamt¬≠konzept.

Auf allen Ebenen und in allen Gremien der Berufspolitik setzen wir uns aktiv daf√ľr ein, die fachlich-inhaltlichen Bedenken der Therapeut*innen und die Interessen der Patient*innen zu ber√ľcksichtigen. Wir fordern f√ľr alle Menschen einen barrierefreien Zugang und die umfassende Kontrolle √ľber ihre eigenen Gesundheitsdaten. Der vertrau¬≠liche Umgang mit sensiblen Fakten hat oberste Priorit√§t.

07. Telemedizin mit Augenmaß
Die videogest√ľtzte Behandlung kann in Ausnahmef√§llen, in denen eine entsprechende Indikation besteht, unter Ber√ľcksichtigung der berufsrechtlichen Vorgaben sinnvoll sein. Eine generelle Gleichstellung von Video- und Pr√§senzpsychotherapie unter rein √∂konomischen Gesichtspunkten lehnen wir aus fachlichen Gr√ľnden ab.

Videogest√ľtzte Therapie war in der Pandemie ein Hilfsmittel, den Kontakt zu den Patient*innen zu halten. Behandlungen ausschlie√ülich √ľber Video k√∂nnen den pers√∂nlichen Kontakt mit allen Sinnen nicht ersetzen; sie f√ľhren zu einer Verar¬≠mung therapeutischer Interventionsm√∂glichkeiten. Wir lehnen Versuche der Kostentr√§ger ab, mehr videogest√ľtzte Therapie zu implementieren und Telemedizin aus Kosten¬≠gr√ľnden oder zur Patient*innensteuerung einzuf√ľhren. Das Psychotherapeut*innenb√ľndnis hat in der letzten Wahlperiode hierzu praktikable und patientengerechte Vorschl√§ge f√ľr Regelungen in die Vertreterversammlung eingebracht, die in die Berufsordnung aufgenommen wurden.

Gleichzeitig ist es wichtig, die Besonderheiten dieses Instruments weiter zu erforschen und geeignete Einsatzm√∂g¬≠lichkeiten zu definieren, Chancen und M√∂glichkeiten heraus¬≠zuarbeiten und Psychotherapeutinnen in der Chancenabw√§¬≠gung zu unterst√ľtzen. Da es deutliche Unterschiede zwischen Therapien per Video und vor Ort gibt, ist es wichtig, sowohl Therapeutinnen als auch Patient*innen gut √ľber Risiken und Nebenwirkungen aufzukl√§ren. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist f√ľr den Schutz des therapeutischen Raums zu sorgen, was bei videogest√ľtzter Therapie nicht immer gegeben ist. Gleichzeitig ist die wissenschaftliche Begleitung bzw. Untersuchung der Wirkweise von videobasierter Psycho¬≠therapie dringend notwendig, insbesondere im Bereich der Therapie von Kindern und Jugendlichen.

08. Erhalt des Antrags- und Genehmigungsverfahrens und der Kontingente
Ambulante Psychotherapie braucht einen sicheren Rahmen in Form von vorab genehmigten Kontingenten, die nach individuellem Bedarf eingesetzt werden.

Die Vorabwirtschaftlichkeitspr√ľfung der genehmigungspflichtigen Psychotherapie ist ein hohes Gut. Nachtr√§gliche Pr√ľfungen und Regressforderungen werden damit vermieden. Dies ist besonders bei Patient*innen mit langen Behand¬≠lungsdauern und schwierigen Verl√§ufen wichtig. Eine Abschaffung der Vorab-Wirtschaftlichkeitspr√ľfung w√ľrde zulasten von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen gehen.

Hinzu kommt: Die Therapiekontingente bieten einen sicheren und vorhersehbaren Behandlungsrahmen, an dem sich Patientinnen und Psychotherapeutinnen orientieren k√∂nnen. Sie verdeutlichen au√üerdem, dass Psychotherapie zeitlich begrenzt ist. Kontingente werden bedarfsgerecht und individualisiert genutzt. Wenn notwendig, kann das H√∂chst¬≠kontingent auch √ľberschritten werden.

Wir werden uns daf√ľr einsetzen, dass die Abschaffung des Antrags- und Gutachterverfahrens von der Einf√ľhrung des Instruments der Qualit√§tssicherung entkoppelt wird. Erfor¬≠derlich sind stattdessen eine √úberpr√ľfung und Weiterent¬≠wicklung des Antrags- und Genehmigungsverfahrens. Das Psychotherapeut*innenb√ľndnis und seine Verb√§nde waren und sind daran engagiert beteiligt.

09. Direkter Zugang zur Psychotherapie
Das Erstzugangsrecht und die Steuerung durch die Sprechstunden sind nicht verhandelbar. Patient*innen muss jederzeit ‚Äď ohne weitere vorgeschaltete H√ľrden ‚Äď der direkte Zugang zur Psychotherapie m√∂glich sein. Die Psychotherapeutischen Sprechstunden sind das origin√§re Steuerungsinstrument in der Hand der Psychotherapeut*innen.

Bereits 2017 gab es den Versuch, durch eine verpflichtende Vorbegutachtung vor jeder Psychotherapie den direkten Zugang zur Behandlung zu verhindern. Begr√ľndet werden solche Versuche immer wieder damit, dass angeblich in den psychotherapeutischen Praxen vorwiegend leichte F√§lle und diese auch noch zu lange behandelt w√ľrden ‚Äď erg√§nzt durch den Vorwurf, dass die meisten Psychotherapeut*innen nur in Teilzeit arbeiteten und ihrer Versorgungsverpflichtung somit nicht nachk√§men. Obwohl diese Behauptungen durch empiri¬≠sche Daten klar widerlegt wurden, werden sie stets von Neuem ge√§u√üert und funktionalisiert, um dann Instrumente der Kontrolle von au√üen zu installieren. Psychotherapeut*innen behandeln Menschen mit unterschiedlichsten St√∂rungen und zumeist Komorbidit√§ten, bei denen nach sorgf√§ltiger Diag¬≠nostik in den Psychotherapeutischen Sprechstunden und gegebenenfalls weiteren probatorischen Sitzungen eine individuelle Indikation gestellt wurde. Bei allen Patient*innen besteht somit eine behandlungsbed√ľrftige Erkrankung. Dring¬≠licher Behandlungsbedarf wird in den Praxen ber√ľcksichtigt, indem dann auch ein schneller Therapiebeginn erfolgt.

Die Mehrverg√ľtung von Kurzzeittherapien setzt Anreize f√ľr k√ľrzere Behandlungsdauern, die √∂konomisch und nicht fachlich motiviert sind. Hier fordern wir, fachlich angemessene Behandlungsdauern zu gew√§hrleisten und auch entsprechend zu verg√ľten.

Patient*innen d√ľrfen nicht anhand vermeintlicher Schwere¬≠grade gegeneinander ausgespielt werden. Jedwede Steue¬≠rungsversuche und Forderungen der Priorisierung oder sogar Triagierung werden entschieden abgelehnt.

Psychotherapeut*innen gehen besonders sorgsam mit ihrem Versorgungsauftrag um, indem sie ihre Sitze teilen und damit eine optimale Auslastung ermöglichen.

Diese Fakten m√ľssen stetig und deutlich den Akteuren der Gesundheitspolitik vermittelt werden, neben anderen Eigenschaften und Wirkmechanismen von Psychotherapie.

10. Ausreichende Finanzierung der Weiterbildung
Psychotherapeut*innen in Weiterbildung m√ľssen im ambulanten und station√§ren Bereich ihrer Qualifikation entsprechend angemessen bezahlt werden. Es muss ausreichend Stellen geben und die hohe Qualit√§t der bisherigen Ausbildung erhalten bleiben.

Die Finanzierung der ambulanten Aus- und Weiterbildung ist derzeit nicht gesichert. Dabei war es einer der Hauptgr√ľnde f√ľr die Ausbildungsreform ‚Äď und ist unser gemeinsames Anliegen ‚Äď, dem psychotherapeutischen Nachwuchs die Gewissheit zu geben, dass ausreichend Weiterbildungspl√§tze nach dem Psychotherapiestudium vorhanden sind und Kandidat*innen angemessene Anstellungsverh√§ltnisse und eine faire Verg√ľtung erhalten.

Anstellungsverh√§ltnisse in Praxen, die als Weiterbildungsst√§t¬≠ten t√§tig sein wollen, allein durch Honorare f√ľr die Weiterbil¬≠dungsbehandlungen zu finanzieren, ist nicht m√∂glich. Daher wird derzeit ein Finanzierungszuschuss f√ľr Psychothera¬≠peutinnen in Weiterbildung in Praxen und Medizinischen Versorgungszentren diskutiert. Hierf√ľr k√∂nnte eine Erweite¬≠rung des Paragrafen 75a SGB V erforderlich sein. Institute, die Weiterbildungsambulanzen f√ľhren, m√ľssen die notwendige Zusatzfinanzierung direkt mit den Kassen aushandeln. Psychotherapeutinnen in Weiterbildung m√ľssen im ambu¬≠lanten und station√§ren Bereich ihrer Qualifikation entspre¬≠chend angemessen bezahlt werden. Es muss ausreichend Stellen geben, und die hohe Qualit√§t der bisherigen Ausbil¬≠dung muss erhalten bleiben.

Wir setzen uns entschieden gegen eine Kommerzialisierung der Weiterbildung ein und kämpfen gegen den Verlust von Ausbildungsqualität aufgrund einseitig gewinnorientierter Interessen. Mit der derzeit laufenden Umsetzung der neuen Weiterbildung stehen unsere Weiterbildungs­stätten in den kommenden Jahren vor neuen Herausforde­rungen. Unser Ziel ist es, aktiv an der Gestaltung eines Rahmens mitzuwirken, der sicherstellt, dass die Qualität der Weiterbildung nicht beeinträchtigt wird.

Gemeinsam k√∂nnen wir sicherstellen, dass die Bed√ľrfnisse der Kandidat*innen und die bestm√∂gliche Versorgung der Patient*innen stets im Mittelpunkt stehen. Mit unserer Wahl unterst√ľtzen Sie dieses Anliegen!

11. Psychotherapeutische Verantwortung im gesamtpolitischen Kontext
Erforderlich ist die Unterst√ľtzung der Krisenintervention und psycho¬≠therapeutischen Versorgung der Opfer von Kriegen und Naturkatast¬≠rophen. Gleiches gilt f√ľr Initiativen im Gesundheitssystem zur Analyse und Bew√§ltigung der Klimakrise.

Als Psychotherapeut*innen stehen wir in einer berufsethi¬≠schen Verantwortung, die auch den Erhalt der √∂kologischen und soziokulturellen Lebensgrundlagen im Hinblick auf die psychische Gesundheit der Menschen beinhaltet (siehe Musterberufsordnung der BPtK). Krisen wie die Coronapande¬≠mie, Folgen des Krieges in der Ukraine und Naturkatastro¬≠phen wie Hitze und D√ľrre wirken sich bereits jetzt auf die psychische Gesundheit der Menschen aus. F√ľr uns als Berufs-stand bedeutet dies, sich bei Gro√üschadensereignissen oder Katastrophen in berufsangemessener Form zu beteiligen, Forschung und Entwicklung von Interventionen zur Klimakrise und psychischer Gesundheit zu f√∂rdern, Notfallpsychotherapie bereitzustellen und hierzu Aus-, Fort und Weiterbildung anzubieten sowie Nachhaltigkeits- und Klimaresilienzstrate¬≠gien zu entwickeln und zu implementieren.

Konkret streben wir als Psychotherapeut*innenb√ľndis an, die √úbernahme von Verantwortung f√ľr den Erhalt der √∂kologischen und soziokul¬≠turellen Lebensgrundlagen in die Berufsordnung der LPK aufzunehmen. Wir wollen Vorstandsbeauftragte f√ľr Fragen der Psychotherapie in Krisen und Notf√§llen und des Klima¬≠schutzes benennen, um in Zusammenarbeit mit bereits t√§tigen Akteuren (wie KLUG und Psy4 F) Informations-, Weiter¬≠bildungs- und Beteiligungsprojekte f√ľr den Berufsstand und die Politik anzusto√üen.

12. Weitere Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen

Durch aktive Kammerarbeit und Aufklärungsinitiativen werden wir die Entstigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen weiter voranbringen.

Immer wieder berichten Patient*innen √ľber Diskriminierung oder Stigmatisierung aufgrund ihrer psychischen Erkrankung im famili√§ren oder auch beruflichen Umfeld, aber auch beispielsweise bei der Arbeitssuche oder an einem neuen Arbeitsplatz. Auch f√ľr Versicherungen sind Patient*innen oft noch Jahre nach einer erfolgreichen Behandlung sogenannte Risiken. Versicherungen k√∂nnen sie deshalb oft nur zu besonderen Konditionen oder gar nicht abschlie√üen.

Studien zeigen, dass Menschen mit psychischen Erkrankun¬≠gen noch immer stigmatisiert und als ‚Äěnicht normal‚Äú oder inkompetent wahrgenommen werden. Sie werden deshalb oft gemieden oder gar sozial isoliert. Aus neueren Studien werden Unterschiede erkennbar: Es wird deutlich, dass beispielsweise Menschen mit Depressionen weniger als noch vor Jahren stigmatisiert und eher akzeptiert werden als Menschen mit Psychosen oder Suchterkrankungen. Bei Letzteren herrschen, teilweise auch durch √ľbertriebene Darstellung in Medien oder auch politischen Debatten, noch immer die Vorurteile vor, sie seien unberechenbar und gef√§hrlich oder Menschen mit Suchterkrankungen seien ‚Äěeinfach willensschwach‚Äú.

Deshalb leiden viele Menschen nicht nur unter ihrer psychi¬≠schen Erkrankung, sondern auch unter der Diskriminierung, fehlt ihnen doch die dringend ben√∂tigte soziale Unterst√ľt¬≠zung. Auch wenn es eine unangenehme Botschaft ist, zeigen Studien, dass es auch im Gesundheitssystem und selbst innerhalb unserer Profession immer wieder dazu kommt, dass bestimmte Patientinnengruppen, wie zum Beispiel Patientinnen mit Suchterkrankungen, diskriminiert werden.

Dass die Psychotherapie Ende der 1960er Jahre in den Leistungskatalog der GKV aufgenommen wurde, war kein Akt christlicher N√§chstenliebe, sondern Ergebnis einer Analyse von Krankenkassendaten (z. B. D√ľhrssen & Jorswieck, 1965), die zeigte, dass die somatischen Folgekosten psychothera¬≠peutisch Behandelter niedriger lagen als in einer unbehan¬≠delten Vergleichsgruppe, und zwar in einem Ma√üe, das die Kosten der psychotherapeutischen Behandlung mehr als aufwog. Vor diesem Hintergrund ist es skandal√∂s, wenn etwa Lehramtsreferendar*innen eine Psychotherapie aufschieben oder ganz darauf verzichten, um keine Nachteile im Hinblick auf eine m√∂gliche Verbeamtung zu erleiden. Dabei ist es gerade in diesen Berufen mit Multiplikatoreffekten ein Zeichen von Professionalit√§t, notwendige psychotherapeuti¬≠sche Hilfe auch in Anspruch zu nehmen.

Wir sehen es als Aufgabe der Kammer an und werden uns innerhalb der Profession und in der √Ėffentlichkeit daf√ľr einsetzen, dass durch Aufkl√§rungs- und √Ėffentlichkeitsarbeit Entstigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankun¬≠gen weiter vorankommt und Stigmatisierung bek√§mpft wird.

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